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Fakultät Raumplanung

Ausschreibung einer Masterarbeit

© Ashley West Edwards ​/​Unsplash
„Transit-Oriented Development und fossile Mobilitätsregime. Ruhender Verkehr als Konfliktfeld in der Umsetzung schienenorientierter Siedlungsentwicklung“

Hintergrund

Transit-Oriented Development (TOD) ist ein integriertes städtebauliches und verkehrsplanerisches Konzept, das in den vergangenen 30 Jahren weltweit an Popularität gewonnen hat. Das Konzept zielt auf die Entwicklung urbaner Quartiere mit hoher baulicher Dichte in der Nähe von Knoten und Halte-punkten des leistungsfähigen Schienenverkehrs, insbesondere des Personennahverkehrs. Eng damit verbunden ist das Ziel der Schaffung lebenswerter, gemischt genutzter Gebiete, in denen Wohn-, Ge-werbe- und Erholungsflächen kombiniert werden. TOD-Konzepte sollen eine gute Erreichbarkeit von Alltagszielen sowie eine gute Anbindung und Erreichbarkeit des SPNV gewährleisten, wodurch Wege reduziert werden, die Anwohnenden einen einfachen Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln haben, der Umweltverbund gestärkt und die Abhängigkeit von privaten Autos verringert wird (Bolleter & Ra-malho 2020; Diller & Eichhorn 2021).
Ausgangspunkt der vorgeschlagenen Masterarbeit ist die Beobachtung, dass TOD zwar international breit rezipiert und als planerisches Konzept allgemein anerkannt ist, in der konkreten Umsetzung aber vielerorts deutlich von den Kernanforderungen des Konzepts abweicht. Dies zeigt sich insbeson-dere daran, dass vielerorts im Bahnhofsumfeld große Flächenanteile durch ebenerdige Park & Ride-Parkplätze wie auch Parkplätze für die Bewohnenden des Bahnhofsumfeldes genutzt werden (s. z.B. Milde et al. 2024 für die Neue Bahnstadt Opladen in Leverkusen oder Weiß & Münter 2022 für die ICE-Bahnhöfe Siegburg und Montabaur). Auch dominieren häufig eher geringe bauliche Dichten und monostrukturierte Siedlungen, so dass die Erreichbarkeitspotenziale von Haltepunktarealen nicht ausgeschöpft werden.


Aufgabenstellung und Methoden
Vor diesem Hintergrund soll die Arbeit an Fallbeispielen untersuchen, wie Transit-Oriented Develop-ment an bestehenden Bahnhaltepunkten und/oder in gewachsenen Siedlungsstrukturen umgesetzt wird. Ein Fokus soll dabei auf den Zielkonflikten zwischen flächenintensiven, überwiegend ebenerdi-gen Parkplätzen einerseits und einer verdichteten, nutzungsgemischten Siedlungsentwicklung im Sinne des TOD andererseits liegen. Vor dem theoretischen Hintergrund des „Carbon-Lock-In“ (Gold-stein et al. 2023; Seto et al. 2016) wird Parkraum als materieller, institutioneller sowie alltagsprakti-scher Anker pfadabhängiger Automobilität verstanden, was eine Fortsetzung fossiler Mobilitätsre-gime begünstigt.
Die Arbeit adressiert den planerischen Umgang mit dem motorisierten Individualverkehr (MIV) und insbesondere dem ruhenden Verkehr an TOD-Standorten und wie dadurch fossile Pfadabhängigkei-ten stabilisiert oder aufgebrochen werden. Drei Leitfragen sind zu beantworten:

  1. In welchem Umfang werden an TOD-Standorten im Zeitverlauf bestehende Parkflächen zugunsten verdichteter Nutzungen wie Wohnen, Dienstleistungen und öffentlicher Räume zurückgebaut, restrukturiert oder erweitert?
  2. Welche Strategien des Parkraummanagements – etwa Verdichtung durch Parkhäuser, Tief- und Quartiersgaragen, Bewirtschaftungskonzepte, Stellplatzsatzungen oder die Stärkung multimodaler Erreichbarkeit – kommen in unterschiedlichen räumlichen Settings zum Einsatz?
  3. Wie lässt sich das jeweils beobachtbare Ergebnis – von starker bis nicht vorhandener Parkplatzre-duktion und entsprechenden Nutzungsprofilen im Quartiersumfeld – als Resultat spezifischer Ak-teurskonstellationen und Carbon-Lock-In-Mechanismen erklären?


Methodisch folgt die Arbeit einem kontrastierenden Fallstudienansatz mit drei bis vier Bahnhofs-standorten in verschiedenen Raumtypen (urban, suburban) in NRW. Ein Mixed-Methods-Design kom-biniert eine räumlich-quantitative GIS-Analyse des Nutzungswandels im Bahnhofsumfeld auf Basis aktueller und historischer ALKIS-/ATKIS-Daten sowie Luftbilder (mit einem Schwerpunkt auf der Transformation von Parkflächen) mit qualitativen Experteninterviews mit kommunalen Planungsak-teuren und weiteren relevanten Stakeholdern, ergänzt durch eine Auswertung von Planungsdoku-menten (z.B. städtebauliche Rahmenpläne, Bebauungspläne, Ratsprotokolle).
Die Arbeit wird gemeinsam von Prof. Dr. Stefan Siedentop und Dr. Angelika Münter (Institut für Lan-des- und Stadtentwicklungsforschung, Dortmund) betreut. Angelika Münter ist in der Fakultät Raum-planung prüfungsberechtigt. Teile der Arbeit könnten in eine Zeitschriftenpublikation eingehen, an der der oder die Verfasser*in beteiligt wäre.


Quellen
Bolleter, J., & Ramalho, C.E., 2020. Transit-Oriented Development (TOD) and Its Problems. In: J. Bol-leter and C.E. Ramalho, eds. Greenspace-Oriented Development. Cham: Springer International Pub-lishing, 13–39.
Diller, C., & Eichhorn, S., 2021. Transit-Oriented Development. Eine internationale Literaturauswer-tung. pnd - rethinking planning (2/2021), 164–185. Available from: www.planung-neu-denken.de/2-2021-digital-citymakers/transit-oriented-development/.
Goldstein, J.E., et al., 2023. Unlocking “lock-in” and path dependency: A review across disciplines and socio-environmental contexts. World Development, 161, 106116.
Milde, T., Grubert, J., % Münter, A., 2024. Nachhaltige Flächenentwicklung und Dekarbonisierung. Kurzexpertise im Rahmen des MORO Fläche. Dortmund.
Seto, K.C., et al., 2016. Carbon Lock-In: Types, Causes, and Policy Implications. Annual Review of Envi-ronment and Resources, 41 (1), 425–452. Available from: www.annualre-views.org/doi/pdf/10.1146/annurev-environ-110615-085934
Weiß, M., & Münter, A., 2022. High-Speed Rail as a driver of urban development? A contrasting com-parison of station areas in Germany. European Journal of Spatial Development, 19(7), 1-40.


Kontakt: Prof. Dr. Stefan Siedentop, Email: stefan.siedentop@tu-dortmund.de